Die hirsauischen Fragmente auf Schönrain

Die Ansichten über die „Hirsauer Bauschule” reichen von absoluter Ablehnung bis zu strengster Observanz. Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte und ist keineswegs auf reine Formprobleme beschränkt. Auf die hirsauisch beeinflusste Architektur möchte ich erst eigentlich zu sprechen kommen, wenn durch eine provisorische Grabung Sicheres über Lage und Maße der Kirche selbst festgestellt werden kann. Dennoch ist es notwendig zur Analyse der sichtbaren Bauglieder, bzw. der Ornamentik, Beispiele heranzuziehen aus der Architektur noch vorhandener Kirchen, insbesondere in Franken.


Hintergrund

Die Gründung von Schönrain (parallel zu Reinhardsbrunn wie Weigand feststellte) durch die Schenkung des Geländes der thüringischen GRAFEN LUDWIG und Berengar an Hirsau 1085 bzw. 1093 gilbt einen Hinweis. Seit 1069 leitete Abt Wilhelm Hirsau; die Vollendung der Kirche Schönrains soll unter Abt Gebhard, besser wohl unter Abt Bruno (1105-19) erfolgt sein. Wenn – wie wir wohl annehmen dürfen – vor dem hirsauischem Bau bereits eine kleinere Kirche vorhanden war (wie wir auch auf Grund der vorhirsauischen Fragmente berechtigt sind), so gibt uns die Regierungszeit Brunos einen deutlicheren Zusammenhang mit den vorhandenen Spolien. Weigand hat die Verwandtschaft mit Aura erkannt, ich selbst habe auf die Fragmente von Neustadt a. Main hingewiesen, die nach Kenntnis der weiteren Zusammenhänge in anderem Licht erscheinen.

Eine der großartigsten Leistungen monastischer Architektur ist der Kapitelsaal der späteren würzburgischen Enklave Komburg: Säulen, Bogenfolge, Raummaße sind von einer derartig sakralen Imperialität – auf kleinstem Raum ! – wie sie sonst nur in den Domen wirksam geworden ist. Übrigens genau jene Eigenschaften, an denen sich die großangelegte Reform totlief, weil geistliche und weltliche Macht als Folge des Investiturstreites nicht mehr auseinander zu halten war, nach der Eigengesetzlichkeit der Akkumulation großer Gemeinschaften.
Cluny selbst ist das am meisten typische Beispiel. So konnte z. B. Luther seine Reformation nur noch durch den Kunstgriff des „Summepiskopats” retten, indem er den Fürsten – von jeher deutsches Nationalunglück 1 – die Kirchengüter in den gefräßigen Rachen warf. Wahrscheinlich wären gerade die Lehren des Protestantismus dogmatisch anders ausgefallen, wenn der machtpolitische Hintergrund anders gewesen wäre.         

Die cluniascensische Reform hat durch übersteigerte Papstmacht das deutsche Kaisertum ruiniert, Luther durch den Summepiskopat das HI. Röm. Reich Deutscher Nation.

Cluny und somit Hirsau aber haben Dogma und Struktur der Kirche nicht angerührt. Es mag in manchem eine zeitbedingt übersteigerte Bewegung gewesen sein, die in titurgistische Starre verfiel und vielleicht die menschliche Natur auf die Dauer überfordert hat – gerade durch die Massierung und die Masse selbst. Der Kern aber war eine gesunde Reinigungsabsicht der verweltlichten Kirche.



Hirsauer Säule


Folglich musste die Architektur Strenge und Sammlung ausdrücken. Sie verzichtete – soweit wir heute noch erkennen können – vielfach auf Farbe und weitgehend auf Ornament. Die Raumund Architekturformen selbst, sind von einer bezwingenden Großartigkeit: die Säule etwa mit attischer Basis, wuchtigem bis elegantem Schaft, darauf die Wucht eines Würfelkapitells, das die geometrische Durchdringung von Kugel und Kubus vollendet ausschöpfte, das Würfelkapitell mit aufeinander liegenden Schilden aufgelockert und mit einem blattartigem Dreieckchen (die sog. Hirsauer Nase) an die „Deckplatte” angeschlossen, nach dem kraftvollen Säulenschaft durch einen eleganten Halsring abgesetzt.

Die Grundstruktur dieser Säule, die fast über ein Jahrhundert tonangebend war und gelegentlich auch leicht proportional variiert wurde, findet in Schönrain – auch in der sorgfältigen Bearbeitung – eine ihrer schönsten Ausprägungen.

Formal wie bearbeitungsmäßig entspricht Aura den Schönrainer Fragmenten am meisten und auch die Fragmente von Neustadt a. Main sowie die – allerdings vermutlich größeren – Säulen des Adalger-Münsters (um 1100) in Neustadt a. Main selbst. Wenn wir nun wissen, dass in unserer Gegend das Adalger-Münster in Neus der älteste Bau unter zweifellos hirsauer Einfluss entstanden ist, Aura von St. Otto in Bamberg 1109 gegründet und 1113 vollendet wurde, Bamberg St. Jakob ebenfalls 1109 gegründet wurde, das ebenfalls verwandte Züge in den Säulen zeigt, so gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir eine Bauhütte vermuten, die mindestens in Neustadt a. Main (als größtem Bau) in Aura und möglicherweise auch in Alt-Bauz, St. Michael in Bamberg (1121), gegründet 734, Amorbach Türme (Anfang 12. Jahrhundert) und vielleicht auch in Thulba gearbeitet hat.

Wie verhältnismäßig spät (1132) das frühere Hirsau in ganzer Strenge wirksam war, zeigt das Heilsbronner Münster und – vielleicht am deutlichsten Kleinkomburg St. Jakobus, dessen gedrungene Säulen an Hirsau St. Aurelius (1059) erinnern. Gerade Kleinkomburg (gegründet 1109) hat mit Schönrain stark verwandte Züge, lediglich die dort verwendeten Rundbogenfriese fehlen und dort fehlt der in Schönrain so typischhirsaurische Schachbrettfries.
Ohne den Ergebnissen der Grabung vorgreifen zu wollen, dürfte Kleinkomburg und Aura die nächsten Verwandten Schönrains sein, was auch rein zeitlich durchaus in den Rahmen passt.

Interessanterweise gibt es „reinrassige” hirsauer Kapitelle in Würzburg kaum: weder die der Brunozeit (Krypta), naturgemäß schon wegen der Entstehungszeit, noch die aus der Zeit Adalberos (Querschiff) noch die Enzelins (Langhaus 1133) passen so recht in die hirsauisch beeinflusste Richtung. Mit den wohl etwas dem hirsauischem Geist verwandteren wendigen Kapitellen von St. Jakob in Würzburg verhält es sich ähnlich; die der Vorhalle von St. Burkard sind wesentlich später. Alt-Stifthaug zeigt völlig andere Einflüsse, was die Kapitelle und Gesimsreste betrifft. Bliebe also Oberzell (beg. 1128), was jedoch in seiner heutigen Anlage ebenfalls nicht mehr klar identifizierbar ist.



Schachbrett- und Würfelornament


Das Schachbrett- oder Würfel- (Walzenornament) Ornament ist ein typisches Schmuckelement, das bei den Bauten unter dem Einfluss hirsauischer Reform auftritt. Als solches gehört es meistens Bauten im 1. Viertel des 12. s. an. Dies gilt auch für Franken, jedoch nicht ausschließlich, wie wir noch sehen werden.
Der Schachbrett- oder Würfelfries kommt in zwei Hauptformen vor: vorherrschend ist die Würfelform, d. h. zwischen zwei Platten (oberhalb oft eine breitere, unterhalb oft eine schmälere). Die eigentlichen Würfeltreppen von der oberen Platte nach unten ab, jedoch alternierend, so dass stets zwischen zwei Würfeln einer ausfällt – dadurch wird eine plastische Schattenwirkung erzielt.
Gelegentlich vereinigen sich zwei Würfel zu einer rechteckigen Fläche, die jedoch über der unteren Platte wieder halbiert wird, also der Schachbretteindruck entsteht. Das Grundprinzip des Schachbrettfrieses ist z. B in Schönrain in dem Fragment über der Säule Platte und Schräge, die dann eben durch den Würfelfries belebt wird. Dieser Fries ist plastischer als jener über dem Eingang in den Verlies-Turmstumpf, den ich übrigens für ein Fragment der Kirche halte und nicht wie in den KDB angegeben in situ.
Der Würfelfries am Turm ist flacher und erscheint auch älter. Er hat das System: Große Platte/Schachbrettfries scheinbar vierstufig, wirklich zwei X zwei rechteckige/untere Platte, diese aber von der halben Breite der oberen.

Die Walzenform – bei der in gleicher Weise wie bei der Würfelform Walzen treten, die sich ebenfalls alternierend abgeschnitten im Profil überschneiden, finden sich in Schönrain nicht, in Franken überhaupt sehr selten. In sitze sind mir Walzen nur am Turm des Marienmünsters in Amorbach bekannt. Auffallend ist das Fehlen des Schachbrettfrieses in Würzburg und seiner näheren Umgebung, sowie auch in den badisch-württembergischfränkischen Nachbargebieten, die sonst recht ornamentfreundlich sind. Eine Besonderheit der Schachbrett-Ornamentik-Fragmente in Schönrain sind die Doppelfriese z. B. seitlich der Säule mit dem Kapitell am Eingang. Zudem stehen die Friese im Winkel zueinander und sind so abgeschnitten, dass es offensichtlich erscheint, dass sie zu Arkadenbögen gehört haben müssen, evtl. zu einer Vierung.

Hier ist es wohl angebracht anzuführen, wobei den hirsauisch beinflussten Bauten die Schachbrettfriese auftreten. Außen meist an Hauptgesimsen vor Hochgaden und Seitenschiffen, an Giebeln und Portalen, gelegentlich – nach der Jahrhundertsmitte auch als Fensterumrahmungen (Münzenberg) oder Außenapsiden (‘Heilbronn).
Eines der frühesten Beispiele und der großartigsten einer rechteckigen Torüberblende um 1100 findet sich am Torhaus des Stiftes Groß-Komburg bei Schwäb. Hall nachmals würzburgische Enklave.

Am deutlichsten wird für uns in Franken die Funktion des Schachbrettfrieses auf dem St. Gotthardsberg bei Amonbach.

Die Feststellungen, die eindeutig bezüglich der hirsauer Säulen in Schönrain getroffen werden können, sind spärlich: Die attische Basis besteht aus großem Wulst, Blättchen, Kehle, Blättchen, kleinerer Wulst, Blättchen. Ecksporne bis jetzt nicht nachweisbar. Die Basis entspricht – also weitgehend formal jener in Aura.


Vergleiche der Plinthen und Schaftbreite nach Bahmann
 (cit. bei Weigand S. 69).

Schönrain:

Plinthe: 103 cm breit
Schaft: 76 cm breit

Aura:

Plinthe: 85 cm breit
Schaft: 55 cm breit

Allein aus diesen Maßen könnte sich ergeben, daß die Kirche von Schönrain, Patronat: „sub beatae dei genetricis sanctique Johannis evangelistae”, im Vergleich zu AURA die größere gewesen ist.



Es wird notwendig sein, sämtliche in Schönrain selbst vorhandenen Kapitelle und Säulenfragmente einmal genau zu registrieren. Die meisten liegen im Keller des Schlösschens, eine Säulenhälfte ist zusammen mit dem Kapitell aufgestellt. Drei Kapitelle befinden sich im Lohrer Heimatmuseum, ein weiteres vermutlich in Adelsheim.

Das am Eingang des Schlosshofes aufgestellte Rotsandsteinkapitell ist von einmaliger zeitloser Schönheit: ein schmaler Halsring setzt das Kapitell von der Säule ab. Die Durchdringung von Kubus und Kugel ist von einer überzeugenden Präzision. Die abgetreppt übereinander liegenden Schildringe ermöglichen eine elegante Busung der eigentlichen Kugel – verwandt ist übrigens eine ähnliche Busung des wesentlich früheren Kapitells von Schönrain (heute Taufstein in Hofstetten). Die „Hirsauer Nasen” in Dreiecksform an den Kanten leiten die zusammenlaufenden Schildbögen über zu abgesetzten Schein-Deckplatten. Wir haben also ein hirsauisches Kapitell reinster Form vor uns und zwar – gegenüber anderen gleichzeitigen und sogar späteren hirsauisch beeinflussten – von einer gewissen Modifizerung zu einer etwas größeren Milde der Gesamtform, was sich wohl aus der Landschaft erklären lässt und ihren Einflüssen.

Die Neustadter hirsauischen Fragmente, die wohl einer Vorhalle angehörten, sind anders geartet als die Schönrainer, anders auch als die Säulen im Adalger-Münster dort selbst, sie sind sicherlich eine Generation später, wenn auch noch aus ähnlichem Geist entstanden, zu denken.