Der Investiturstreit

Die Verweltlichung der Kirche

Die Kirche war um diese Zeit unermesslich reich. In Notzeiten hatte der Kaiser die Geistlichen die ja seit Otto d.Gr. der Reichsgewalt unterstellt waren, dringendst gebraucht, sei es, das Reich zu verteidigen, seine Einwohner zu erziehen oder den Hochmut des Adels zu dämpfen. Regierungsgeschäfte kosten Geld. Die Einwohner waren verpflichtet, der Kirche den Zehnten ihres Einkommens in natura oder in bar zu entrichten. Daneben erhielt die Kirche Grund und Boden von den Landbesitzern, die bei ihrem Tod Äcker testamentarisch der Kirche vermachten, in der Hoffnung, es in der Hölle leichter zu haben oder im Himmel schöner. Das Kloster Maxim in Trier z.B. besaß einen Grundbesitz von 500 Millionen Mark nach heutigem Wert gemessen, St. Gallen verfügte über 20 000 Leibeigene, Fulda über 15 000 kleine Landsitze (Halsbach war darunter). Dafür leisteten die Klöster auch etwas: Hier wurden Ärzte ausgebildet, entwarfen die Baumeister ihre Pläne für Kathedralen, lernten die Bauern, wie man Käse herstellt und Weine veredelt, fand der müde Reisende Nachtquartier und Nahrung, der Verlassene Hilfe, der Verfolgte Schutz, und die Kinder lernten das ABC.
Vor allem: Die Mönche rodeten Wälder und kultivierten Ödländer. Klöster waren Kulturzentren. Der Reichtum verführte. Aus dem ehrwürdigen Kloster Hersfeld hatten die Mönche ein Vergnügungszentrum gemacht. Sie tranken Wein, vertrieben sich die Zeit mit Jagd, fuhren vierspännig, kleideten sich wie bunte Papageien, trugen enge Röhrenhosen und jagten allem nach, nicht nur dem Wild. Diese Geldverschwendung war nichts Außergewöhnliches. Manche Päpste waren darin Vorbild. So ließ sich Papst Johannes \IX. den Stuhl Petri von seiner Familie kaufen und spielte mit dem Gedanken. ihn an die Patriarchen von Konstantinopel weiter zu verschachern. Sein Nachfolger, Benedikt IX, ein 12jähriger Knabe, trat gegen eine Abfindung von 2 000 Pfund Gold vom Thron , dass deutsche Kaiser auf diese Päpste verächtlich herabsahen, ist verständlich. Vermutlich ist auch, dass sie die Klöster und Kirchen “rupften”, besonders Konrad II.. Für ihn hatte kirchlicher Besitz Handelswert. Wer am meisten bezahlte, bekam den Zuschlag. Bargeld gegen einen Bischofssitz, Abtssitz war an der Tagesordnung. Simonie nannte man das!
Die Kirche litt noch unter anderen Missständen. Die meisten Geistlichen heirateten, zeugten Kinder oder lebten mit Wirtschafterinnen im Konkubinat. Päpste von Strenge, wir Leo IX., bezeichneten die Begleiterinnen der Priester als Dirnen. Kamen sie mit nach Rom, mussten sie im Lateran “abgeliefert” werden, wo sie als einfache Mägde Dienst taten. Es ist verständlich, dass von der strengen Priesterschaft das Zölibat angestrebt wurde. Die Praxis bestätigte, dass es unabhängig machte, frei von Familiensorgen. Ein Seelenhirt konnte sich seinen Aufgaben im zölibatären Zustand besser widmen, auch war er uninteressiert, Vermögen zu bilden. Es gab für ihn keine Erben. Die verschiedenen Konzilien befassten sich mit dem Thema. Es wollte sich keine Lösung zeigen: Triebe lassen sich schwer bändigen.

1039 – Heinrich III. (Konrads Sohn)

Simonie und Priesterehe waren ihm ein Ärgernis. Er war im Gegensatz zu seinem Vater tief religiös. Den Handel mit kirchlichen Geldern stoppte er. Zahlungen, wie sie etwa bei Bischofseinsetzungen (Investitur) üblich waren, verbot er. Die kaiserliche Finanzlücke, die sich nun auftat, musste durch Gelder von den Adeligen gestopft werden. Das verärgerte diese. Heinrich war es gleichgültig. Hauptsache: Man fürchtete ihn. Und das tat man. Unter seiner Regierung hatte das “Deutsche Reich” seine höchste Höhe der Machtentfaltung erreicht. Er selbst wird als düster, verschlossen, unnahbar bezeichnet. “Schwarzer Heinrich”, so heißt er wegen seiner schwarzen Haare und seines dunklen Teints. Er wollte als oberster Herrscher über Staat und Kirche die Reform der Kirche an Haupt und Gliedern, eine Kirche frei von Laster der Simonie und der Priesterehe, er wollte Verinnerlichung und Versenkung im Gebet. würdige Ausgestaltung der Gottesdienste, strenge Zucht der Mönche, Stillschweigen, Askese.
Damit vertrat er die Forderungen des BURGUNDISCHEN REFORMKLOSTERS CLUNY. Die Tragik dieses Herrschers ist. dass er einen Deutschen zum Papst ernannte, der das Papsttum derart stärkte, dass es einen Kampf mit dem Kaisertum um die Macht in Europa wagen konnte.

Heinrich IV – Jugend zwischen Missgunst, Neid und Trug

Heinrich III., der diese Auseinandersetzung mit dem Papst hätte einigermaßen bestehen können, starb 39jährig an einem Lungenleiden. Sein Sohn Heinrich IV. war damals 6 Jahre alt. Herzöge, Bischöfe, Markgrafen nutzten die Kindheit des Königs aus, vergriffenen sich an den Einkünften aus dem Reichsgut, übereigneten sich Güter und Rechte. In dieser Atmosphäre von Neid und Trug wuchs Heinrich IV. auf. Ein frühreifer Knabe, haltlos schwankend zwischen den vielen Erwachsenen. Misstrauisch gegen alle und jedermann, aber mit allen Wassern gewaschen. Mit 9 Jahren wurde er mit dem päpstlichen Entscheidungsanspruch konfrontiert: Das Recht, den Papst zu wählen stehe nur dem Kardinalskollegium zu”, das war neu, denn bis dahin war die Zustimmung des deutschen Königs erforderlich gewesen. Man glaubte, sich diese Missachtung des deutschen Kaisers leisten zu können, er war ja noch Kind. Ein kirchliches Programm wurde entworfen. Der Inhalt: Zur Hölle mit allen Laien-Königen, Fürsten, Grafen, die sich anmaßen, Bischöfe und Äbte einzusetzen. Schuldig jeder Priester, der sich von einem Laien einsetzen lässt, mit Geld oder ohne. Schuldig jeder Laie, der einen Priester einsetzt, der Schmiergelder verlangt oder nicht. Würde das Wirklichkeit, bedeutete es für den deutschen Kaiser, den Anspruch auf die Dienste der Bischöfe und Äbte, den Einfluss auf ihre Besetzung und den auf ihre Abgaben aufzugeben. Das Reich verlöre die Werkzeuge seines Herrscherwillens und die Einnahmen. Am meisten fühlten sich die Geistlichen selbst betroffen. Es glich einer Vertreibung aus dem Paradies, Verzicht auf Macht, weltliche Freuden. Widerstand begann sich zu regen. Aber nun erschienen in den Klöstern Agitatoren. Sie wiegelten die Brüder gegen die Äbte auf: Verweigert diesen Simonistischen Sündern, das Zölibat verletzenden Unbußfertigen den Gehorsam! Diese “Volksverhetzer” gingen auch in die Werkstätten, Spinnstuben, predigten auf Marktplätzen, hetzten gegen Bischöfe und König. Sie appellierten an den Neid der Besitzlosen, schilderten in grellen Farben den Reichtum der Besitzenden, der ja nur vom Volk abgepresst war. Der Pöbel ließ sich das nicht zweimal sagen. Die Häuser der Geistlichen wurden geplündert, die Frauen verjagt, sie selber misshandelt. Mönche bekamen Recht gegenüber ihren Äbten, geistliche gegenüber den Burgherren. Wer nicht gehorchen wollte, wurde nach Rom gerufen, geschulmeistert, musste Abbitte tun und Buße entgegennehmen

Planmäßig wurde die Autorität der Obrigkeit ausgehöhlt. Welthistorische Bedeutung erreichte die ganze Bewegung in der Ernennung eines Cluny-Mönches zum Papst. Gregor VII. hieß er. An ihm war alles nur Wille, Kraft, Leidenschaft. Den “Heiligen Satan nannten ihn die einen.

Der Streit zwischen Papst und Kaiser eskaliert

Innwischen war Heinrich IV. 23 Jahre alt geworden.
In Kenntnis der Propagandaschrift setzte er provozierend reichstreue Bischöfe in ganz Italien ein. Er wollte dem Papst zeigen, wer Herr im Hause sei.
In dieser Zeit entstand das kirchenpolitische Glaubensbekenntnis, der “Dictatus papae” mit 27 Glaubenssätzen.
Einige lauten:
Nur der Papst darf Bischöfe einsetzen.
Nur der Papst darf neue Gesetze erlassen.
Als Rechtsnachfolger der Apostel ist der Papst Herr über alle Königreiche und Länder.
Der Papst allein darf die kaiserlichen Insignien führen und seine Füsse haben alle Fürsten zu küssen.
Der Papst darf die Kaiser absetzen.

Auf Heinrichs IV. Brief antwortete der Papst: “Der Knecht der Knechte Gottes enthielt König Heinrich Gruß und apostolischen Segen. Bedenke, erlauchtester Sohn, wie erstaunlich es ist, deine Herrschaft über die Herrschaft Christi zu stellen und behindere nicht länger die Freiheit der Kirche”.
Heinrich IV. machte das Schreiben bekannt. Der Groll gegen die Kirche entlud sich in Empörung. Und Heinrich antwortete: “Heinrich, nicht durch Gewalt, sondern durch Gottes weise Anordnung König, an Hildebrand, nicht mehr Papst, sondern falscher Mönch… verlasse den angemaßten Sitz des seligen Petrus. Denn ich, Heinrich, König von Gottes Gnaden, sage dir: Steige herab, auf ewig Verfluchter”. Auch des Papstes Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Er tat Heinrich in Acht und Bann und kleidete das Verdammungsurteil in ein Gebet: “Heiliger Petrus… Weil du es gewollt hast, ist mir Gottes Vollmacht gegeben. zu binden und zu lösen, im Himmel und auf Erden. Darum untersage ich dem König Heinrich, das Reich der Deutschen… zu regieren, und befreie alle Christen vom Eid, den sie ihm geleistet.”
Ein Propagandafeldzug von den Kanzeln der deutschen Kirchen begann gegen den Papst zu wettern. Auch in unserer Gegend! Die Franken waren immer kaisertreu. Das ganze Land war in Aufruhr. Wanderer durchzogen das Reich und verkündeten ein Sendschreiben Gregors VII. “An alle Getreuen im Deutschen Reich”. Allgemeine Verunsicherung war das Resultat. Wem sollte man glauben? Dem Stellvertreter Gottes auf Erden oder dem König, der von Gott eingesetzt war? Die Fürsten selbst waren über die Verdammung und Absetzung ihres Königs glücklich. Endlich konnte man sich von ihm befreien: Schwache Kaiser, starke Herzöge. Aber Heinrich war aus hartem Holz geschnitzt. Er verhandelte und es gelang ihm, die Fürsten zu einem Aufschub zu bewegen. Ihre Bedingung: In vier Monaten muss Heinrich vom Bann befreit sein. Wenn das nicht gelänge, würde auf einem Reichstag zu Augsburg unter Vorsitz des Papstes das Verhältnis von Staat und Kirche nun geregelt werden. Deutsche Bischöfe, unter ihnen Adalbero von Würzburg, hatten den König schon verlassen.

Der “Gang nach Canossa”

Da der Papst sich weigerte, Heinrich zu einem Gespräch zu empfangen, machte sich der König im Winter 1076/1077 auf den Weg nach Italien. Der Papst, schon auf dem Wege nach Deutschland, zog sich auf die Burg Canossa zurück. Heinrich kleidete sich in ein raues Wollhemd, barfuß und barhäuptig warf er sich der Sage nach in Abständen auf den schneebedeckten Boden des Burgvorhofs. die Arme m Kreuzform ausgestreckt, Gebete sprechend. Drinnen beobachtete ihn Gregor VII. Er saß in einer Zwickmühle. Befreite er Heinrich vom Bann, verriet er die deutschen Fürsten, die auf ihn warteten. Verweigerte er die Absolution, sündigte er gegen seine priesterliche Pflicht. Gregor gab nach, “Unter einem Strom von Tränen” umarmten sich beide, und der Papst löste Heinrich vom Bann. Inzwischen hatten die deutschen Fürsten, vom Papst enttäuscht, einen Gegenkönig gewählt, Rudolf von Rheinfelden. Es kam zum Bürgerkrieg. In unserer Diözese hatte Bischof Adalbero verboten, Anhänger Heinrichs aufzunehmen. Die Bürger Würzburgs empörten sich. Adalbero verließ Würzburg und floh zu Rudolf. Als der mit einem Heer gegen Würzburg zog, verteidigten die Würzburger 1077 ihre Stadt so lange, bis Heinrich IV. mit dem Entsatzheer herbeigeeilt war. 1078 kam es zur Schlacht bei Mellrichstadt. 1080 lieferten beide Könige sich ein Treffen. Dabei verlor Rudolf seine Schwurhand. Das Volk sah dies als Gottesurteil an. Rudolf selbst: “Mit diesem Stumpen und der davon abgehauenen Hand habe ich dem König Heinrich… gehuldigt und geschworen… dafür muss ich nun mit meinem Leben büssen. Darum wollet ihr eures Eides und Gelübdes besser eingedenk sein.” 1085 kam es wieder vor Würzburg zum zweimaligen Kampf.

Vor diesem Kampf allerdings musste schon die Schenkung des Schönrains an die Klostermönche der Hirsauer erfolgt sein. Die beiden Schenker, LUDWIG UND BERENGAR, waren Feinde des Kaisers. Mit der Hergabe ihrer Ländereien am Main bei Schönrain an die kaiserfeindlichen Benediktiner schafften sie einen Brückenkopf der Kaisergegner im kaisertreuen Raum nahe der wichtigen Flussmündungen Sinn, Saale, Wern in den Main. Gleichfalls wurde an der Heeresstrasse Mainz – Würzburg, heute B 8, bei der wichtigen Mainüberfahrt Triefenstein, ein zweiter päpstlicher Brückenkopf im kaiserfreundlichen Franken gebildet.

Dass diese Jahre des Investiturstreites, des Kampfes zwischen Kaiser und Papst. fürchterliche Jahre gewesen sein müssen, künden die Berichte: In den Straßen der Städte türmten sich die Leichen, auf dem Lande wurde Menschenfleisch verzehrt. Heinrich IV. überlebte Gregor VII. um 20 Jahre. 1106 starb der Kaiser. 11 Jahre vorher, 1095, begann die Expansion des Abendlandes durch die Kreuzzüge. Der Papst hatte in einer flammenden Rede von den Gräueln eines Volkes berichtet, das in Kleinasien eingefallen war, die heiligen Stätten erobert und den Christen dort die Hälse durchschnitten hätte. Die Worte hinterließen einen mächtigen Eindruck. Leute scharten sich zusammen. Eine Welle kriegerischer Begeisterung erfasste alle Christen, und man zog gegen Jerusalem, das Kreuz auf Schild, Kleid oder Fahne, als Kreuzritter.