Frühromanische Säulen

Im Anwesen Schaupp in Wiesenfeld sind in der Scheune Säulenfragmente eingebaut, die der Tradition nach aus der Klosterruine Schönrain stammen. Über evtl. andere Provenienz ist nichts bekannt. Von den Rotsandstein-Säulen samt Basen (ca. Länge 220, Breite 30, Basisquadrat 40) fehlen leider die Kapitelle. Der Taufstein in der Kirche von Hofsteffen jedoch ist ebenfalls der Tradition nach (auch hier gibt es keine Urkunden darüber) aus Schönrain und noch dazu ein sehr altertümliches Kapitell, wie wir ein solches in ganz Franken nicht mehr sonst antreffen. Auch ohne urkundliche Belege ist das Kapitell sicherlich von Schönrain, denn auch die äus der Riemenschneiderzeit stammende BEWEINUNGSGRUPPE, von der noch zu reden sein wird, gilt der Tradition nach ebenfalls als aus Schönrain stammend. Hinzu kommt noch das kleine Renaissanceepitaph eines Ritters, der als Vogt gekennzeichnet ist und evtl. die Fenstermaßwerke. Auch von diesem Epitaph wird noch zu sprechen sein. – Das heute als TAUFSTEIN IN HOFSTETTEN benutzte Kapitell ist heute auf eine, nicht ihm ursprünglich zugehörige, weil zu schmale Rundsäule mit Halsring und darunter eiserner Verstärkung aufgesetzt. Das Kapitell selbst ist von einer sehr merkwürdigen und daher schwer bestimmbaren Mischform. ‘Man könnte von einem umgekehrten Pilzkapitell sprechen, das von eine Fase durchdrungen wird, die in der mit dem Kapitell zusammengearbeiteten Deckplatte endet. Das Hervortreten der pilz- bzw. polsterartigen Rundungen zeigt wohl eine ähnlich schwellende Tendenz wie die späteren hirsauisch beeinflußten Würfelkapitelle Schönrains, hat damit aber keinen Zusammenhang, da das Hofstettener Kapitell wesentlich früher liegen muß. Eine Vergleichsmöglichkeit ist infolge fehlender Objekte nicht gegeben.

Frühes Säulenfragment in Wiesenfeld (Aus Schönrain, Anwesen Schaupp)

Auch bei den langobardischen Kapitellen findet sich nichts Vergleichbares. So bleibt nichts anderes übrig als gefaste Polsterkapitelle heranzuziehen. In etwas flacherer Form – byzantinisch beeinflußt – die Kapitelle von Reichenau Oberzell – St. Georg, Ende 10. Jhdt. Schärfer gefast und weniger flach und ebenfalls ohne Halsring, also den Schönrainer Fragmenten schon näherkommend, ein Polsterkapitell aus der Krypta der St. Mary Magdalene Kirche in Ickleton (bei Cambridge, Großbritannien). Aus der ersten Hälfte des 11. Jhdts. dann St, Martin, Oberlenningen (Württemberg), die etwa weiterentwickelt sind in den Kapitellen von St. Burkard in Würzburg. – Die Primitive, unregelmäßige Kapitellform von Hofstetten-Schönrain lässt jedoch eine sehr frühe Bestimmung zu, dürfte also noch einem Bauwerk vor der hirsauischen Klosterkirche zuzuordnen sein, vermutlich auch der ottonischen Zeit. – Das scheint sich auch aus den Fragmenten von Wiesenfeld zu ergeben. Diese haben eine ganz schlichte Basis aus nahezu quadratischer Platte und Schräge, aus der die Säule hervorwächst, so daß man zunächst geneigt ist, die schlichte Basis für ein etwas ungewöhnliches Fasenkapitell zu halten. Die Rundsäule selbst ist monolith gearbeitet. Die beiden aus einem Stück gearbeiteten Basen sind etwas verschieden, jedoch im System gleich.

Jedenfalls passen diese frühen primitiven Säulen eher zu dem ebenfalls frühen Portal, einer wohl kleineren Klosterkirche, sie sind jedoch auch der Beweis dafür, daß die Stätte Schönrains schon früh eine beachtliche Bedeutung gehabt haben muß, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht bringt uns ein Zufallsfund eines weiteren frühen Kapitells etwas weiter, vor allem aber die Bauanalyse der Ruine, die Hypothesen über den früheren Einbau der frühen Säulen erst möglich machen werden. Ein Hinweis jedoch, daß eine ältere Anlage in die hirsauisch beeinflußte Klosterkirche mit einbezogen gewesen sein könnte ist die Tatsache, daß auf dem Dachgiebel des gleichen Anwesens Schaupp ein wohl blitzeabwehrender, in den Himmel blickender, zähnefletschender Löwe” eingemauert ist, der auch aus Schönrain stammen soll. Sicherlich sind sowohl die Säulen samt Basen und der Löwe gleichzeitiges Abbruchgut aus der Zeit nach der Übernahme durchdie Rienecker, die es so furchtbar eilig hatten, die Kirche in Schönrain verschwinden zu lassen.

Der zähnefletschende Löwe entstammt der schon etwas späteren Zeit – gegenüber dem Tympanon sogar wesentlich – sowohl in sorgfältiger Bearbeitung wie in der gespannten Gesamtauffassung sicherlich der hirsauisch beeinflußten Bauhütte – übrigens ein ganz besonderer Fall in der unterfränkischen Plastik. Die einzigen vergleichbaren Löwen wären jene Löwenköpfe beiderseits des Portals der Kirche von Steinsfeld bei Rothenburg o. T., die das hochinteressante Tympanon mit dem Christusbild und den sich neigenden Lebensbäumen flankieren. Insbesondere ist in Steinsfeld die ebenfalls gekonnte Behandlung der strähnigen Mähne ähnlich. Auch diese Plastiken gehören dem 12. Jahrhundertan, während das Tympanon älter erscheint.

Beschreibung derPietä

Unter einem breit ausladendem Kreuz mit dem Pergament INRI sitzt die etwas matronenhafte – einer St: Anna-Darstellung eigentlich viel ähnlichere Maria, den toten Sohn in einer halb sitzenden Lage auf dem Boden liegend, jedoch die rechte Achselhöhle auf das rechte Knie Mariens gestützt. Die rechte Hand Mariens stützt Christi Haupt mit der dickästigen Dornenkrone, die linke hebt den leblosen linken Arm Christi. Der Rock fältelt sich, eigentlich noch ganz in der Art des ausgehenden 15. Jahrhunderts Über der linken Schulter Ohristi. Maria trägt ein eng anliegendes Leibchen, darüber beiderseits über die Arme fallend einen faltenreichen Mantel, der über Mariens linken Arm in eleganter, knitterfaltenreicher S-förmliger Kaskade über die Oberschenkel und das Schamtuch Christi hinabwallt. Über dem Mantel trägt Maria eine typische nürnberger bzw. rheinische Haube und ein Halstuch. Der Blick des ziemlich breiten Gesichts, das die Backenknochen sichtbar werden lässt, mit schmaler langer Nase, etwas hängenden Mundwinkeln und schrägstehenden Augen ist in starrem Schmerz in die Ferne gerichtet. Die Gesamthaltung Mariens ist eindeutig die einer Pietä, lediglich die halb am Boden kauernde Art Christi erinnert an die zahlreichen Beweinungsdarstellungen Riemenschneiders und seiner Schule. Bezeichnenderweise kommt das in Franken so häufige und seit der Gotik überhaupt so sehr beliebte Vesperbild (vgl. meine Arbeit, Kuhn, Würzburger Madonnen des Barock und Rokoko, Abschnitt die Pietä) bei Riemenschneider recht selten vor. So z. B. in der Würzburger Franziskanerkirche und auf einem Bildstock bei Uissigheim in Stein im Badischen Frankenland.

Links von der Madonna kniet eine Maria Magdalena, die fast genauso gekleidet ist wie Maria, abgesehen von einem weiteren altdeutschen Kleid, allerdings infolge der durch-brochenen Ärmel am Unterarm in Renaissanceart. Mit der Linken hält sie ein ähnliches Salbgefäß wie Josef von Arimathäa in Maidbronn, dahinter – merkwürdig aufgerichtet, die Rechte, die modisch fast völlig mit StuIpenhandschuhen bedeckt ist, ausgenommen die Finger, die in einer Schwur- oder Segensgeste angeordnet sind. Die Haube, wenn auch etwas schmäler als die Mariens, ist modisch zu einer Haube burgundischer Art um den Hinterkopf erweitert. Das Gesicht ist Auffallenderweise fast das gleiche wie das der Madonna, nur etwas jugendlicher, rundlicher und weniger herabgezogenen Mundwinkeln. Der Blick ist ebenfalls in starrem, jedoch meditierendem Schmerz in die Ferne gerichtet. Der Mantel St. Maria Magdalenas ist in eleganter Drapierung von der rechten Schulter, die er allein bedeckt, in weicheren – Renaissance – Falten um den Körper drapiert Das linke Knie dringt durch die Stoffmassen. Ganz deutlich ist der Unterschied zu den erregt wirkenden gotischen Knitterfalten des Madonnenmantels zu erkennen. Selbst gegenüber dem noch etwas gotisch knitternden Falten des St.-Johannes-Evangelista, der – wie man gut am Holze erkennen kann – der Gruppe später angefügt ist.

Ganz auffallend unriemenschneiderisch sind die verhältnismäßig kräftigen Füße Christi, die in ihrer gesamten kräftigen Struktur keineswegs zu dem schlanken Christuskörper passen, der in seiner Gesamtheit, zusammen mit dem großartig gearbeiteten Madonnenmantel, am nächsten an Riemenschneider und seinen Kreis erinnern. Man könnte geradezu daran denken, dass ursprünglich die Pietä allein vorhanden war und die Füße des toten Christus sich mehr nach rückwärts abgewinkelt haben.

Man hat sie offenbar bei der Hinzufügung der beiden Heiligen abgeändert. Dies aber muss in der Mitte des 16. Jahrhunderts geschehen sein, etwa um 1560.

Die schwächste Plastik ist die des Evangelisten: er sucht hilflos in halbkauernder Stellung die Hand Maeiens zu stützen, seine andere fasst ebenso hilflos den Mantelbausch.

Der Gesichtstyp St. Johannes ist fast genau der gleiche wie der Mariens und St. Maria Magdalenas: es könnten sämtlich Geschwister sein. Die Haare St. Johannes’ zeigen zwar noch die etwas an Riemenschneider erinnernde Locken, die intensive Pracht aber und die weit kurvenden Locken sind dahin. Die einzige andere Erinnerung an Riemenschneider ist noch der etwas röhrig-knitternde Mantel St. Johannes, beim Arm Christi, auch noch der Mantelumschlag dort, der aufgestülpte Saum, erinnert sogar ‘an einen Apostel in Creglingen und an den Christus Salvator der Marienkapelle. Auch am rechten Knie des Johannes knittert der Mantel noch etwas gotisch. Es ist aber ein Nachklang: der Oberkörper dringt kräftig in Schultern und Brust durch das glatte Gewand, wie auch das rechte Bein. Nur die Hände der Mittelgruppe haben die riemenschneiderische Schlankheit und Zerbrechlichkeit. Die Hände der Assistenzfiguren sind geradezu grobschlächtig dagegen.

Riemenschneiders Beweinungen

Zusammenhänge mit den anderen Riemenschneider-Beweinungen ergeben sich bestenfalls mit dem Christus der steinernen Beweinung von Heidingsfeld (deren 154 Teile ich mit meinen Kameraden 1945 aus dem Schutt gesiebt habe, so dass sie Georg Schneider wieder zusammensetzen konnte und sich nun wieder in der Heidingsfelder Kirche befinden) – in der Haltung Christi und im Gesichtstyp. Noch mehr aber – wenn auch spiegelverkehrt – mit der Beweinung des Martin-v.-Wagner-Museums (Residenz), „Die Hoflidacher Beweinung” ist im Gesichtstyp Christi besonders ähnlich. Die etwas ungegliederte Gesichtsstruktur Mariens und der beiden anderen Heiligen erinnern an die Gesichter der Maidbronner Beweinung, die recht flach und z. T. verschoben sind.

Wenn man noch dazu weiß, dass St. Johann Ev. eindeutig an die Gruppe angestückt -ist, so dürfen wir dies wohl auch für St. Maria Magdalena annehmen. Jedenfalls aber wird uns bei genauer Betrachtung klar, dass wir ein Werk aus verschiedenen Händen und mit fast einer Generation stilistischem Unterschied vor uns haben.

Es ist keineswegs zu weit hergeholt, wenn man annimmt, dass das Bildwerk 1525 mindestens in seinem Kern, der Pietä bestand, dass diese Gruppe aber als „geplündert und geprannt” wurde, schwer in Mitleidenschaft gezogen worden ist. 

Die Ergänzungen haben in späterer Zeit stattgefunden, von einer Hand jedoch, die offensichtlich mehr von Mainzer Einflüssen geführt war. – Einzelheiten könnten natürlich nur dann eindeutig festgestellt werden, wenn das blanke Holz zutage liegt.Jedenfalls aber ist dieser letzte Rest der Innenausstattung der zerstörten Klosterkirche von Schönrain ein hervorragendes Kunstwerk, das gerade durch seine stilistische Verschiedenheit von besonderem Reiz ist, weil es an der Grenzeder Zeiten steht wie selten eines in unserer Heimat.